Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht

Jahrgang 22: 2 (2017): Mehrsprachigkeit und Deutsch in Finnland


Vorwort

Liebe Leserinnen und Leser,

an drei aufeinanderfolgenden Tagen im April 2016 trafen sich über einhundert angemeldete Teilnehmende auf der Tagung mit Workshop „Mehrsprachigkeit und Deutsch in Finnland“ an der Universität Helsinki. Die BesucherInnen kamen in der Mehrzahl aus Finnland, doch ebenso hatten wir auch Gäste aus Estland, Schweden und Ungarn. Unter den Teilnehmenden waren ForscherInnen, LehrerInnen, Studierende, KulturmittlerInnen sowie VertreterInnen der finnischen Unterrichtsbehörde. Während es bei der Tagung an den beiden ersten Tagen darum ging, einen Status Quo der Mehrsprachigkeitsforschung und mehrsprachigkeitsdidaktischer Ansätze mit Deutsch in Finnland aufzuzeigen, diente der Workshop am dritten Tag einerseits dem Austausch zwischen der Forschung und der Unterrichtspraxis und sammelte andererseits Bedarfe und Wünsche für die weitere Entwicklung im Bereich Mehrsprachigkeit und Deutsch in Finnland aus unterschiedlichen Perspektiven: Forschung, Hochschule, Schule, Lehrerausbildung, Bildungs-/Sprachenpolitik.

Warum sollte sich der Blick nach Finnland lohnen? Nein, nicht wegen des allbekannten PISA-Wunders. Aus der Sicht des Tagungsthemas bieten wir einen Einblick in ein EU-Land,

  • in dem ca. 95 % der EinwohnerInnen Finnisch, also eine nicht indoeuropäische Sprache, sprechen,
  • das über zwei Landessprachen Finnisch und Schwedisch verfügt und diese Tatsache im Bildungsalltag berücksichtigen muss,
  • zu dessen wichtigsten Wirtschaftspartnern die deutschsprachigen Länder, vor allem Deutschland, zählen,
  • das mit seinen ca. 5,5 Millionen EinwohnerInnen eine Sprachenpolitik mit der Ausrichtung auf die Beherrschung von Fremdsprachen betreibt bzw. dies intendiert,
  • in dem die Germanistik eine lange und starke Tradition hat und trotz der schwierigen Rahmenbedingungen in den letzten Jahren, einschließlich der Personal-Reduzierungen und Standortschließungen, nach wie vor aktiv und mit großen Erfolgen die Auslandsgermanistik vertritt.

Mit den ausgewählten Beiträgen der Tagungsteilnehmenden möchten wir die Vielfalt der aktuellen Forschung sowie der Lehrpraxis im Bereich der Mehrsprachigkeit in Finnland nachzeichnen.

  • Sabine Ylönen und Emmi Heimonen haben die Ergebnisse einer großangelegten Umfrage unter finnischem Universitätspersonal aus dem Jahr 2009 mit der Fragestellung nach Einstellungen zum Gebrauch anderer Fremdsprachen als Englisch und im Besonderen des Deutschen untersucht. Dabei interessierten sie sich in den offenen Kommentaren der Befragten vor allem für die Argumente bzgl. der Verwendung verschiedener Sprachen. Die Verwendung von Deutsch wurde auch mit Bezug auf Altersgruppen und Disziplinen ausgewertet. Ihre Ergebnisse stimmen positiv, denn sie deuten eher auf eine Verbreitung der Mehrsprachigkeitsideologie als der English-Only-Ideologie beim Personal an den finnischen Universitäten.
  • Über eine im Frühjahr 2016 durchgeführte Verbleibstudie unter 36 Alumnae des Masterprogramms „Deutsche Sprache und Kultur“ der Universität Tampere berichten Sarianna Aho, Jutta Lankinen, Meeri Pekkola, Pekka Rantanen, Ewald Reuter, Stephanie Silvan und Katariina Ylönen. Dabei waren sie am sprachenbiographischen Profil, an Erfahrungen mit Mehrsprachigkeit in Kindheit, Schule, Studium, Beruf und Freizeit sowie an der Rolle der Mehrsprachigkeit in der heutigen Arbeitswelt der Alumnae interessiert. Es zeigt sich, dass gerade im Bereich Wirtschaft und Dienstleistungen der Arbeitsalltag mindestens zweisprachig in Abwechslung zwischen Finnisch und Englisch abläuft, dennoch kann jede weitere Fremdsprache als ein weiteres Plus angesehen werden. Die Studie brachte Resultate, über deren Einbindung in die Überlegungen zu den Studiengangprofilen und -inhalten nachzudenken wäre.
  • In der bildungspolitischen Situation in Finnland, wo Englisch einen immer größeren Raum unter den zu erlernenden Fremdsprachen einnimmt, hat sich ein sprachenübergreifendes Forscherinnenteam an der Universität Helsinki, bestehend aus Anta Kursiša, Anne Huhtala und Marjo Vesalainen, gefragt, warum Studierende fremdsprachiger Philologien in anderen Sprachen als Englisch sich für das Studium entschieden haben und dieses Studium nach wie vor fortsetzen und inwieweit sich die Studienmotivation über mehrere Studienjahre hinweg verändert hat. Studierende in mehreren fremdsprachigen Philologien, die mindestens im dritten Studienjahr studieren, wurden gebeten, sich in schriftlichen Selbstreflexionen dazu zu äußern. Im vorliegenden Beitrag werden die Selbstreflexionen von 22 Germanistikstudierenden analysiert.
  • Über eine Befragung unter Lehramtsstudierenden der Fächer Anglistik und Skandinavistik an der Universität Oulu, die Germanistik als Nebenfach studieren möchten, berichtet Sabine Grasz. Auch wenn mit der Einführung neuer Lehrpläne im Jahr 2016 die Mehrsprachigkeitsdidaktik nun eine bedeutendere Rolle spielen soll, ging die Autorin davon aus, dass die Studierenden eher mit einer monolingual ausgerichteten Lerntradition aufgewachsen sind. Sie wollte wissen, ob Studierende ihr mehrsprachiges Repertoire in den Vorbereitungskursen auf ihr Nebenfachstudium als Ressource beim Fremdsprachenlernen ansehen. Die Befragungsergebnisse deuten darauf hin, dass vor allem in Bezug auf Sprachbewusstheit, multilinguale Fähigkeiten und Einstellungen gegenüber Sprachmischungen noch Entwicklungsbedarf besteht.
  • Joachim Schlabach wertete die Antworten im Rahmen einer Befragung der MitarbeiterInnen in internationalen Unternehmen in Finnland zu den täglichen, meistens mehrsprachig ausfallenden Kommunikationssituationen aus. Er betrachtete vor allem die Angaben zu Problemen in mehrsprachigen Situationen und anschließend ihre Lösungswege. Die Ergebnisse dienen nun als Basis für eine inhaltliche Grundlegung des Begriffs plurilinguale Kompetenz. Wenn damit ein Lernziel für plurilinguale Kurse gemeint ist, dann sollten in solchen Kursen unter anderem Sprachenwechsel, Codeswitching, Sprachenmittlung und Transfer trainiert werden.
  • Anta Kursiša ließ sich von der Tatsache inspirieren, dass finnische MuttersprachlerInnen in der Regel bereits mehrere Jahre Englisch und Schwedisch (beide L2) gelernt haben, wenn sie mit dem Deutschlernen (L3) im Erwachsenenalter, z.B. im Rahmen ihres Universitätsstudiums, beginnen. Sie möchte in ihrer Forschungsarbeit herausfinden, wie die Lernenden beim Lesen in L3 Deutsch auf dem Anfängerniveau die beiden L2 Englisch und Schwedisch aktivieren und welche Faktoren die Aktivierung der einen oder der anderen L2 beeinflussen könnten. Solche Einflussfaktoren sind bisher eher für den Bereich der Sprachproduktion empirisch erforscht worden. Bei der Datenerhebung triangulierte sie die Daten aus der Lernendenbefragung und den Lautdenkprotokollen. Anhand eines Fallbeispiels stellt sie ein Verfahren zur Datenauswertung zur Diskussion.
  • Leena Jylhä ist Deutschlehrerin an einer Gesamtschule in Vaasa. In ihrem Bericht beschreibt sie ihre Erfahrungen mit dem Unterrichten von Deutsch als Fremdsprache unter Bezugnahme der unterschiedlichen Sprachlernhintergründe der SchülerInnen (CLIL, Immersion, herkömmlicher Fremdsprachenunterricht). Leena Jylhä beschreibt die Rahmenbedingungen des Fremdsprachenlernens und zeigt mit konkreten Beispielen, wie sie in ihrem Unterrichtsalltag die Kenntnisse der SchülerInnen aus verschiedenen vorher gelernten Sprachen, ihr Weltwissen und auch ihr lernstrategisches Wissen im Deutschunterricht einbezieht. Sie berichtet auch darüber, wie sie mit den unterschiedlichen Einstellungen ihrer SchülerInnen den Fremdsprachen gegenüber umgeht.
  • Einen weiteren praxisbezogenen Beitrag bietet Ulrike Richter-Vapaatalo an. Sie beschäftigt sich damit, wie man Deutsch (sowie Englisch und Schwedisch) als Ausgangspunkt für die Erkundung weiterer germanischer Sprachen bzw. Dialekte (Niederländisch, Plattdeutsch, Jiddisch o.ä.) nutzen kann. Hierzu hat sie eine mehrsprachigkeitsdidaktische Unterrichtseinheit für Deutschkurse der finnischen gymnasialen Oberstufe mit fortgeschrittenen Lernenden (mindestens sechs Jahre Deutsch) erarbeitet und in zehn Gruppen durchgeführt. Das Ziel der Unterrichtseinheit war es, ein anfängliches Bewusstsein für Interkomprehension zu schaffen und dabei Sprachbewusstheit auf- bzw. auszubauen. Das Feedback der SchülerInnen zeigte unter anderem, dass auch bei fortgeschrittenen Fremdsprachenlernenden das Bewusstsein für das Potenzial ihres Sprachwissens und die Interkomprehensionsfähigkeit durch entsprechende Aufgabenstellungen gelenkt und entwickelt werden muss.

Wir freuen uns auch über die Vielfalt der Beiträge außerhalb des Themenschwerpunktes, wobei die ersten zwei Beiträge dem Bereich Mehrsprachigkeit gewidmet sind.

  • Larissa Semiramis Schedel und Audrey Bonvin bieten einen Beitrag, in dem die mit der Mehrsprachigkeitsdidaktik verbundenen Wünsche der Sprachvergleiche im Tertiärsprachenunterricht kritisch betrachtet werden. Anhand von Interviews mit Lehrkräften, die in der französischen Schweiz Englisch nach Deutsch als zweite Fremdsprache unterrichten, stellten die Autorinnen fest, dass konkrete Umsetzungen der mehrsprachigkeitsdidaktischen Prinzipien im Unterricht nicht nur von der Haltung der Lehrkräfte, sondern auch von ihren individuellen sprachlichen Ressourcen abhängt. Vor dem Hintergrund ihrer Ergebnisse plädieren die Autorinnen für weitere Forschung und kritische Auseinandersetzung mit den Ansprüchen der Mehrsprachigkeitsdidaktik und ihrer Umsetzbarkeit z.B. aus der Perspektive der LehrerInnenausbildung.
  • Marie-Louise Brunner fokussiert in ihrem Beitrag die didaktische Methode der Sieben Siebe der romanischen Interkomprehension. Sie analysierte Lautdenkprotokolle, die als benotete Leistung von Romanistikstudierenden eines einsemestrigen Seminars zum Thema „EuroComRom“ an einer deutschen Universität erstellt worden sind. Brunner untersuchte die interkomprehensive Erschließungsarbeit der Teilnehmenden mit Blick auf angewendete Strategien sowie auftretende Probleme. Anhand der Analyse konnte festgestellt werden, dass die Studierenden die vermittelten Erschließungsstrategien (Sieben Siebe) genutzt haben und sich unter Zuhilfenahme der bekannten Sprachen und des Kontextes/Weltwissens das interkomprehensive Verstehen von Texten in den unbekannten romanischen Sprachen ermöglicht haben. Diese Ergebnisse bekräftigen die didaktische Realisierbarkeit von der Interkomprehension als einem Ansatz zur Förderung der individuellen Mehrsprachigkeit.
  • Julia Putsche und Chloé Faucompré vermissten in der didaktischen Diskussion die Reflexionen zu fremdsprachlichem Unterricht aus grenzüberschreitender Perspektive, was bedeutet, dass die Nachbarsprache im Unterricht vor allem mit Bezug zu den geografisch-kulturellen Besonderheiten der Grenzregion vermittelt wird. Daraus entstand ein deutsch-französisches Forschungsprojekt, in dem Studierende aus beiden Ländern innerhalb eines Kurses vor und nach dem fachdidaktischen Input in einer Fragebogenstudie zu ihren Einstellungen und Überzeugungen bzgl. der deutsch-französischen Grenzregion und bzgl. des Einsatzes einer Grenzdidaktik befragt wurden. Die Ergebnisse zeigen die Bedeutung des forschenden Lernens sowie der Auseinandersetzung mit dem beruflichen Selbstbild der angehenden LehrerInnen in der Ausbildung.
  • Mit seinem Beitrag zum berufsorientierten DaF-Unterricht weist Matthias Prikoszovits auf das Forschungsdesiderat in Bezug auf altersgruppen- sowie niveaustufenspezifische Aspekte der beruflichen Ausrichtung von DaF-Curricula hin. Der Autor grenzt zunächst die Allgemeinsprache, die Berufssprache, die Fachsprache und die Bildungssprache voneinander ab und setzt sich dann mit dem Modell der gegenläufigen Pyramiden (Funk 2001) als einem Modell für berufsbezogene Sprachkurse auseinander. Bezogen auf diese Grundlagen erstellt Prikoszovits eine Übersicht über die berufsbezogenen Anteile in fremdsprachlichen Curricula sämtlicher Ausbildungsphasen und setzt diese anschließend in Beziehung zu den Kompetenzstufen des GER. Der Beitrag zeigt mehrere Bereiche mit erheblichem Forschungsbedarf auf.
  • In einer Studie, in der Fehler von 38 persischsprachigen DaF-Studierenden bei der Absolvierung von Passivübungen untersucht wurden, konnte Rana Raeisi Dastenaei einen Einfluss des muttersprachlichen Systems auf den Erwerb des sowohl Vorgangs- als auch Zustandspassivs im Deutschen feststellen. Sie hat beobachtet, dass sich einige Passivformen bei den persischsprachigen Lernenden als besonders problematisch herausstellen. Die Gegenüberstellung der Unterschiede zwischen dem deutschen und persischen Passiv und deren Abgleich mit den Fehlern zeigte, dass es sich hier wohl um Interferenzfehler handelt. Die Autorin beabsichtigt mit dieser Erkenntnis keineswegs eine pauschale Vorhersage der Fehler, sondern sieht darin eher eine Sensibilisierung auf Seiten der Lehrenden bzgl. möglicher spezifischer Problemfälle.
  • In einem Bericht aus der Praxis stellt Fiona Ross einen Sprachkurs im universitären Kontext vor, der sich nicht nur auf das Sprachenlernen begrenzt, sondern gleichzeitig auch Einblicke in den Spracherwerb und das Sprachlehren anbietet. Teilnehmende des Kurses lernen Faktoren kennen, die das Sprachenlernen beeinflussen, und beziehen das erworbene Wissen anschließend auf das eigene fremdsprachliche Lernen. Auch wenn die Kursteilnehmenden unterschiedliche fachspezifische Hintergründe haben und nicht alle von ihnen angehende LehrerInnen sind, so ist der Kurs in ‚You as the learner’ und ‚You as the teacher’ aufgeteilt. Alle Teilnehmenden betrachten die Inhalte, mit denen sie sich im Sprachkurs auseinandersetzen, auch aus der Lehrperspektive. Die detaillierte Beschreibung der Kursinhalte und Lehrverfahren laden zum eigenen Ausprobieren ein.

Diese Ausgabe bietet auch zwei Rezensionen: Ute Henning hat den Sammelband Bildungsziel: Mehrsprachigkeit. Towards the Aim of Education: Multilingualism, herausgegeben von Alina Dittmann, Beata Giblak & Monika Witt 2015, rezensiert. Dieser Sammelband beinhaltet Konferenzbeiträge von der 6. Tagung des Konsortiums Mehrsprachigkeit als Chance im Jahr 2015 in Nysa, Polen. Yolanda López García hat das Handbuch Interkulturelle Kompetenz. Erkennen – verstehen – handeln. Spanisch. Unterrichtsvorschläge mit Multimedia-CD, herausgegeben von Francisco Javier Montiel-Alafont, Christoph Vatter & Elke Christine Zapf, erschienen im Klett Verlag, unter die Lupe genommen. Das Handbuch reagiert auf die Entwicklungen bzgl. der Stellung des Spanischen in der Welt und der Beziehungen zwischen den spanischsprechenden Ländern und Deutschland.

Dem HerausgeberInnenteam der Zeitschrift für das Interesse an den Ergebnissen unserer Tagung, den AutorInnen für das Engagement und die wertvollen Einblicke in ihre Arbeit und der Redaktion für die umfassende Betreuung möchten wir ganz herzlich danken. Wir wünschen Ihnen viel Freude beim Lesen!

Themenheftherausgeberinnen

Anta Kursiša und Ulrike Richter-Vapaatalo

 


 

Die nächste Nummer der ZIF wird im April 2018 erscheinen ("Sprachsensibler Fachunterricht").

Weiter geplant ist u.a:

  • "Raum und Fremdsprachenunterricht" (Oktober 2018)
  • "Fachsprache" (April 2019)