Mehrsprachigkeit - Language Awareness – Sprachbewusstheit. Einführung

Monika Angela Budde

Abstract


Vorwort

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

es mag Sie möglicherweise verwundern, dass die Herausgabe des vorliegenden Themenheftes aus dem Fachgebiet der Didaktik des Deutschen als Erst- (bzw. Muttersprache) erfolgt. Eine erste Erklärung findet sich mit Bezug auf die gegenwärtige theoretische Diskussion: Hier wird ein wissenschaftlicher Ansatz wirksam, Sprachvermittlung als Disziplinen übergreifendes Phänomen zu betrachten. Die weiter reichende Erklärung findet sich in der Praxis: Die traditionelle Deutschdidaktik reicht aktuell nicht mehr aus, um der Sprachheterogenität in deutschen Klassenzimmern gerecht zu werden. Es sind sprachdidaktische Handlungsmodelle gefragt, die die Mehrsprachigkeit aufnehmen und das Sprachenlernen als Erst-, Zweit-, Tertiär- und/oder Fremdsprache verfolgen. Durch die Herausforderung der mehrsprachigen Sprachlehr- und -lernsituation an Schulen in Deutschland entstand die Idee, sich mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen der Fremd- und Mehrsprachigkeitsforschung und ‑didaktik zu beschäftigen und integrative, übergreifende Modelle zu entwickeln.

Diese Ausgabe will einen Beitrag dazu leisten. Sie setzt bei dem Language Awareness-Gedanken an, der bereits in den 1990er Jahren als didaktisch-konzeptionelle Antwort auf die mehrsprachige Gesellschaft entwickelt wurde. Im deutschsprachigen Zusammenhang wird Language Awareness mit „Sprachbewusstheit“ übersetzt. Es wird angenommen, dass Sprachbewusstheit zur Entwicklung von Sprachfähigkeit erheblich beiträgt, dass sie die Kenntnisse über Sprache(n) verbessert und Fähigkeiten aufbaut, Sprache(n) zu lernen. Das Ziel, die Erhöhung der Sprachbewusstheit, verfolgen alle Disziplinen des Sprachenlernens und ‑lehrens, jeweils mit einem spezifischen Fokus. Daher war es das leitende Anliegen bei der Konzeptionierung der Themenausgabe, die Erkenntnisse der verschiedenen Disziplinen zum Thema Sprachbewusstheit zusammenzubringen und sie für die Mehrsprachigkeitsdidaktik nutzbar und auf den Deutschunterricht in sprachheterogenen Klassen anwendbar zu machen. Es wird durch die folgenden Beiträge realisiert:

Ingelore Oomen-Welke, die Wegbereiterin des Language Awareness-Gedankens für die Deutsch- und DaZ-Didaktik in Deutschland, entwirft aus persönlicher Perspektive eine geschichtliche Rückschau über die Ideen und Weiterentwicklungen von Language Awareness.

Åsta Haukås, Anita Malmqvist und Ingela Valfridsson untersuchen sechs verschiedene DaF-Lehrwerke aus Schweden und aus Norwegen hinsichtlich ihres Potentials zur Förderung von Sprachbewusstheit und entwickeln theoriegeleitete Analysekategorien für die Beurteilung des Bereichs Grammatik und Sprachreflexion.

Ebensfalls aus der DaF-Perspektive untersucht Jana Juhásová aus der Slowakei die Sprachbewusstheit von DaF‑Lernenden, die durch den vorangegangenen Sprach- und Fremdsprachenunterricht und die dort tätigen Lehrenden gefördert werden könnte.

Es folgen zwei Beiträge aus der Perspektive des Deutschunterrichts mit mehrsprachigen Lernenden.

Anja Wildemann, Muhammed Akbulut und Lena Bien-Miller stellen in einem Ausschnitt aus ihrem Forschungsprojekt ein Verfahren zur Erhebung von sprachlichen und metasprachlichen Kompetenzen bei Kindern mit verschiedenen Erstsprachen am Ende der Grundschulzeit vor.  

Franziska Prüsmann geht den vorhandenen Fähigkeiten von Lernenden nicht‑deutscher Herkunftssprache in Bezug auf Textkompetenz nach, die diese bereits aus ihrer schulischen Biografie mitbringen.

Den Abschluss bilden zwei Beiträge, die sich den systemischen Voraussetzungen für die Förderung von Sprachbewusstheit in mehrsprachigen Kontexten widmen. 

Silvia Demmig konkretisiert die Lehrerprofessionalisierung und zeigt auf, dass eine curriculare Verankerung von auf Language Awareness bezogenen Inhalten in der universitären DaF-Lehrerbildung sinnvoll ist, um die Sprach-Lehrbewusstheit als notwendige Voraussetzung zur Vermittlung von Sprachbewusstheit zu entwickeln.

Ursula Behr stellt vor, wie die Thüringer Lehrpläne den Bereich „Sprache reflektieren“ und das sprachenübergreifende Lehren und Lernen systematisch in der Sekundarstufe anlegen, verankern und curricular bis zur Hochschulreife strukturieren. 

Zwei weitere Beiträge „außerhalb des Themenschwerpunkts“ haben auch Berührungspunkte mit dem Schwerpunkt des Themenheftes.

Katsiaryna EL-Bouz (geb. Kanaplianik) entwickelt für den DaF-Unterricht ein didaktisches Modell zur Vermittlung von Modalverben durch eine kognitiv-linguistische Herangehensweise, in der die Funktion und Wirkung der einzelnen Verben durch bewusstmachende Verfahren vermittelt werden. Sylwia Adamczak-Krysztofowicz, Angela Schmidt-Bernhardt, Antje Stork und Victoria Storozenko berichten aus einem interkulturellen Projektseminar mit dem Titel „Warschauer Aufstand – Spurensuche nach 70 Jahren“, wie Studierende mittels eines Lerntagebuches das Gelernte und Erfahrene reflektieren und damit interkulturelle Kompetenzen aufbauen und Sprachlernbewusstheit entwickeln.

Ein weiteres Themenfeld zu sprachlichen Fähigkeiten wird durch den Beitrag von Nicole Kaufmann eröffnet. Sie geht in ihrer differenzierten Analyse verschiedener Faktoren bei C-Test-Texten, die für den Online-Einstufungstest Deutsch als Fremdsprache (onDaF) verwendet werden, der Frage nach, ob sich Merkmale zur Vorhersage von Textschwierigkeit herausfiltern lassen.

Die Arbeitsgruppe um Jörg Roche im Projekt „Sprachstandsermittlung bei Kindern mit Migrationshintergrund“ stellt in ihrem Beitrag ein Konzept zur Erhebung des Sprachstandes mehrsprachiger Kinder im Vorschulalter vor, das sich dadurch auszeichnet, dass es sich an den tatsächlichen altersgemäßen kommunikationsbezogenen Sprachfähigkeiten monolingualer und bilingualer Kinder orientiert. Anhand eines Prototyps wird vorgestellt, wie mittels eines interaktiven Spiels auf einem Tablet die Kinder dazu animiert werden, räumliche und bewegungsbezogene Zustände der Akteure sprachlich zu begleiten und damit das spielerische Geschehen voranzubringen. 

In dieser Ausgabe werden folgende Schriften rezensiert: Ballweg, Sandra (2015), Portfolioarbeit im Fremdsprachenunterricht. Eine empirische Studie zu Schreibportfolios im DaF-Unterricht. (v. J. Dinn); Hohm, Michael (2012), Sprachbewusstheit, Lesekompetenz und Textverstehen. Wie die Grammatik beim Lesen hilft (v. S. Hackl); Lindgren, Eva & Enever, Janet (Hrsg.) (2015), Språkdidaktik: Researching Language Teaching and Learning (v. V. Lohe). Ehlich, Konrad & Albert, Marina Foschi (Hrsg.) (2015), Deutsch als Fremdsprache als transkultureller Erfahrungsraum – Zur Konzeptentwicklung eines Faches (v. J. Hirschberg).

Ich bedanke mich bei allen AutorInnen für ihre Beiträge und für die überaus große Kooperationsbereitschaft. Diese habe ich ebenso im Herausgeberteam erfahren und auch diesem möchte ich herzlich danken.

Schlagworte


Mehrsprachigkeit, language awareness, Sprachbewusstheit

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