Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht

Jahrgang 22: 1 (2017): Interkulturelle Literatur


Vorwort

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

mit der Frage nach sprachlicher und kultureller Zugehörigkeit befassen sich Menschen seit jeher. Viele Antworten auf diese Frage sind ethnonational motiviert und somit homogenisierend einfach. In einer Welt, die immer stärker von Globalisierung und Migration geprägt wird, werden immer mehr Stimmen laut, die sich auf der Suche nach Antworten nicht mit einem „Entweder-Oder“ begnügen, sondern die lebensweltlichen Prozesse der Verflechtung und Durchmischung in den Mittelpunkt ihrer Selbst- und Fremdwahrnehmung stellen.

Literarisch verarbeitet führt dies zu Darstellungsmustern, die homogenisierende und somit vereinfachende, veraltete bzw. konstruierte ethnonational motivierte Grenzziehungen in Frage stellen. Ihr hybrider Charakter schafft sprachlich und inhaltlich Neues, das nicht nur durch sein Innovationspotential besticht, sondern auch aufgrund seiner Mehrfachzugehörigkeit alte Macht- und Wissensstrukturen dekonstruiert.

Die vorliegende ZIF-Ausgabe widmet sich solchen literarischen Schaffensprozessen, die im Folgenden unter „interkultureller Literatur“ zusammengefasst werden. Am Beispiel der so genannten „Chamisso-Autorinnen und -Autoren“ setzen sich die Beiträgerinnen und Beiträger mit interkultureller Literatur im Kontext der Literaturwissenschaft sowie Literaturdidaktik auseinander und diskutieren ihren gesellschaftlichen Stellenwert. Dies wird durch folgende Beiträge realisiert: 

  • Johannes Gröbl untersucht ausgehend von exemplarischen Werken, wie Chamisso- Autorinnen und -Autoren die deutsche Sprache wahrnehmen, wie sie darüber schreiben und was ihnen wichtig ist, und setzt sich somit mit der interkulturellen Perspektive auf die deutsche Sprache auseinander.
  • Wie Homi Bhabhas Konzept der „DissemiNation“ zum passenden Beschreibungsinstrument einer modernen liberalen Nation beitragen kann, zeigt Elcio Loureiro Cornelsen in seinem Beitrag. 
  • Simone Malaguti stellt als Ausgangssituation eine punktuelle Diskussion über die Rolle der Literatur im Fremdsprachenunterricht vor und greift neuere theoretische Entwicklungen auf, die die fremdsprachenphilologische Reflexion über Texte der Chamisso-Preisträgerinnen und -Preisträger unterstützen.
  • Mark-Oliver Carls Beitrag plädiert ausgehend von Bachtins Dialogtheorie und den daraus abgeleiteten poststrukturalistischen Ansätzen für eine Literaturdidaktik, die für das Uneinheitliche im Text sensibilisiert.
  • Vesna Bjegac und Anna Waczek gehen am Beispiel von Saša Stanišićs essayistischer Erzählung Doppelpunktnomade der Frage nach, ob und wie Leserinnen und Leser den in der Literatur von Chamisso-Preisträgerinnen und -Preisträgern häufig thematisierten und sich auch in der Sprache und Form widerspiegelnden Lebens- und Sprachwandel erleben. 
  • Claudia Glotz und Rebecca Schuler machen in ihrem Beitrag auf die zentrale Bedeutung des Umgangs mit Literatur in der Lehramtsausbildung des Faches Deutsch als Zweitsprache aufmerksam und unterstreichen für literaturdidaktische Konzeptionen in universitären Veranstaltungen den Mehrwert literarischer Werke, die eine literarische Hybridität aufweisen. 
  • Mit dem Einsatz interkultureller Literatur im akademischen Kontext der Auslandsgermanistik beschäftigt sich auch Marta Janachowska-Budych in ihrem Beitrag. Am Beispiel einer Lehrveranstaltung stellt sie dar, wie diese geschehen kann.

Zwei weitere Beiträge „außerhalb des Themenschwerpunkts“ haben auch Berührungspunkte mit dem Schwerpunkt des Themenheftes:

  • Siegfried Gehrmann setzt sich ausgehend von der Reflexion des herkömmlichen Kulturbegriffs zum Ziel, auf Basis einer kulturtheoretischen Debatte Kriterien für einen auf den Fremdsprachenunterricht bezogenen Kulturbegriff zu entwickeln.
  • Kerstin Göbel, Zuzanna Lewandowska und Bärbel Diehr untersuchen anhand einer Substichprobe der DESI-Videostudie die thematische Ausrichtung von Englischunterricht mit interkultureller Zielstellung.

Weitere (fremd-)sprachdidaktisch ausgerichtete Themenfelder werden durch folgende Beiträge eröffnet:

  • Theresa Venus fokussiert den Faktor „Einstellung“ als individuelle Lernervariable im Kontext des Französischunterrichts und beabsichtigt, quantitativ belastbare Ergebnisse zu den Schülereinstellungen im deutschen Kontext des Französischen als Schulfremdsprache vorzulegen.
  • Giuseppe Manno stellt Resultate eines laufenden Forschungsprojekts vor, das die Lesekompetenz im Französisch als 1. und 2. Fremdsprache (Umkehrung der bisherigen Reihenfolge durch die Fremdsprachenreform in der Schweiz) unter Berücksichtigung der Schulsprache Deutsch in einer mehrsprachigen Perspektive am Ende der Primarstufe untersucht.
  • Mirjam Egli Cuenat präsentiert eine Untersuchung zur Textproduktion in den Fremdsprachen Französisch und Englisch sowie in der Schulsprache Deutsch bei Deutschschweizer Schülerinnen und Schülern der 7. Klasse und diskutiert mögliche didaktische Konsequenzen der Ergebnisse.
  • Christian Brühwiler und Christine La Pape Racine untersuchen vor dem Hintergrund der Fremdsprachenreform in der Schweiz, welche motivationalen Orientierungen für das Lernen von Englisch und Französisch am Ende der Primarstufe vorliegen und wie sich die Sprachenlernmotivation am Übergang in die Sekundarstufe I entwickelt.
  • Vor dem Hintergrund der komplexen Syntax des Deutschen setzt sich Dieter Schmid zum Ziel, Deutschlehrern und -lehrerinnen eine Hilfestellung zu geben, indem er − aufbauend auf das topologische oder Stellungsfeldermodell von Erich Drach − die wichtigsten Stellungsregeln für die verschiedenen Satzelemente angibt.
  • Lennart Bartelheimer, Britta Hufeisen und Nina Janich untersuchen im Rahmen des Projekts „German as a foreign language after English or French“ (GaE/F) [Deutsch als Fremdsprache nach Englisch oder Französisch (DaFnE/F)] den Einfluss der jeweiligen L2 der Lernenden (Englisch vs. Französisch) auf den Erwerb des Deutschen als L3. Im Beitrag werden erste Ergebnisse präsentiert.

In dieser Ausgabe werden folgende Schriften rezensiert:

  • Chiellino, Carmine (2016), Interkulturelle Literatur in deutscher Sprache: Das große ABC für interkulturelle Leser (v. Szilvia Lengl)
  • Fornoff, Roger (2016), Landeskunde und kulturwissenschaftliche Gedächtnisforschung. Erinnerungsorte des Nationalsozialismus im Unterricht Deutsch als Fremdsprache (v. Camilla Badstübner-Kizik) 
  • Bracker, Elisabeth (2015), Fremdsprachliche Literaturdidaktik. Plädoyer für die Realisierung bildender Erfahrungsräume im Unterricht (v. Andrea Leskovec)
  • Rösler, Dietmar (2012), Deutsch als Fremdsprache. Eine Einführung (v. Hilke Elsen)

 

Wir bedanken uns bei allen Autorinnen und Autoren für ihre Beiträge und für die überaus große Kooperationsbereitschaft. Diese haben wir ebenso im Herausgeberteam erfahren und auch diesem möchten wir herzlich danken.

Nazli Hodaie und Simone Malaguti, Themenheftherausgeberinnen

 

 

Die nächste Nummer der ZIF wird im Oktober 2017 erscheinen ("Mehrsprachigkeit und Deutsch in Finnland").

Weiter geplant ist u.a:

  • "Raum und Fremdsprachenunterricht" (Sondernummer 2017)
  • "Sprachsensibler Unterricht" (April 2018)
 

 

ZiF-Schwerpunktnummer "Sprachsensibler Fachunterricht"

Call for papers

Der Zugang zu und die Entwicklung von fachlichen Kompetenzen erfolgen durch Sprache und sprachliches Handeln. Sprachvermittlung selbst kann wiederum ohne Inhalte nicht stattfinden. Eine ganz zentrale Rolle spielt in diesem Kontext die Aufgabenbasierung als Drehpunkt der Aktivierung von Lernenden zum selbsttätigen und aktiven sprachlichen Handeln.

Die nächste Schwerpunktnummer der Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht widmet sich dem Thema „Sprachsensibler Fachunterricht“ aus der Perspektive von Sprachentwicklung, Unterrichtsgestaltung und Professionalisierung von Lehrkräften. Wir bitten um Einsendung von Abstracts (1.000 Zeichen inkl. Leerzeichen) bis zum 05.07.2017. Die Beiträge sollen spracherwerbstheoretisch oder didaktisch verortet, theoretisch fundiert und praxisrelevant sein. Sie sollen einen primären Fokus auf DaF und DaZ haben und können alle Schularten und Sprachvermittlungskontexte (von der Grundschule bis hin zur Erwachsenenbildung) betreffen (Umfang 35.000 Zeichen inkl. Leerzeichen, Abgabe: 31.10.2017).

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