Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht

Jahrgang 21: 2 (2016):  Mehrsprachigkeit - Language Awareness – Sprachbewusstheit 

Vorwort

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

es mag Sie möglicherweise verwundern, dass die Herausgabe des vorliegenden Themenheftes aus dem Fachgebiet der Didaktik des Deutschen als Erst- (bzw. Muttersprache) erfolgt. Eine erste Erklärung findet sich mit Bezug auf die gegenwärtige theoretische Diskussion: Hier wird ein wissenschaftlicher Ansatz wirksam, Sprachvermittlung als Disziplinen übergreifendes Phänomen zu betrachten. Die weiter reichende Erklärung findet sich in der Praxis: Die traditionelle Deutschdidaktik reicht aktuell nicht mehr aus, um der Sprachheterogenität in deutschen Klassenzimmern gerecht zu werden. Es sind sprachdidaktische Handlungsmodelle gefragt, die die Mehrsprachigkeit aufnehmen und das Sprachenlernen als Erst-, Zweit-, Tertiär- und/oder Fremdsprache verfolgen. Durch die Herausforderung der mehrsprachigen Sprachlehr- und -lernsituation an Schulen in Deutschland entstand die Idee, sich mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen der Fremd- und Mehrsprachigkeitsforschung und ‑didaktik zu beschäftigen und integrative, übergreifende Modelle zu entwickeln.

Diese Ausgabe will einen Beitrag dazu leisten. Sie setzt bei dem Language Awareness-Gedanken an, der bereits in den 1990er Jahren als didaktisch-konzeptionelle Antwort auf die mehrsprachige Gesellschaft entwickelt wurde. Im deutschsprachigen Zusammenhang wird Language Awareness mit „Sprachbewusstheit“ übersetzt. Es wird angenommen, dass Sprachbewusstheit zur Entwicklung von Sprachfähigkeit erheblich beiträgt, dass sie die Kenntnisse über Sprache(n) verbessert und Fähigkeiten aufbaut, Sprache(n) zu lernen. Das Ziel, die Erhöhung der Sprachbewusstheit, verfolgen alle Disziplinen des Sprachenlernens und ‑lehrens, jeweils mit einem spezifischen Fokus. Daher war es das leitende Anliegen bei der Konzeptionierung der Themenausgabe, die Erkenntnisse der verschiedenen Disziplinen zum Thema Sprachbewusstheit zusammenzubringen und sie für die Mehrsprachigkeitsdidaktik nutzbar und auf den Deutschunterricht in sprachheterogenen Klassen anwendbar zu machen. Es wird durch die folgenden Beiträge realisiert: 

Ingelore Oomen-Welke, die Wegbereiterin des Language Awareness-Gedankens für die Deutsch- und DaZ-Didaktik in Deutschland, entwirft aus persönlicher Perspektive eine geschichtliche Rückschau über die Ideen und Weiterentwicklungen von Language Awareness.

Åsta Haukås, Anita Malmqvist und Ingela Valfridsson untersuchen sechs verschiedene DaF-Lehrwerke aus Schweden und aus Norwegen hinsichtlich ihres Potentials zur Förderung von Sprachbewusstheit und entwickeln theoriegeleitete Analysekategorien für die Beurteilung des Bereichs Grammatik und Sprachreflexion.

Ebensfalls aus der DaF-Perspektive untersucht Jana Juhásová aus der Slowakei die Sprachbewusstheit von DaF‑Lernenden, die durch den vorangegangenen Sprach- und Fremdsprachenunterricht und die dort tätigen Lehrenden gefördert werden könnte.

Es folgen zwei Beiträge aus der Perspektive des Deutschunterrichts mit mehrsprachigen Lernenden.

Anja Wildemann, Muhammed Akbulut und Lena Bien-Miller stellen in einem Ausschnitt aus ihrem Forschungsprojekt ein Verfahren zur Erhebung von sprachlichen und metasprachlichen Kompetenzen bei Kindern mit verschiedenen Erstsprachen am Ende der Grundschulzeit vor.  

Franziska Prüsmann geht den vorhandenen Fähigkeiten von Lernenden nicht‑deutscher Herkunftssprache in Bezug auf Textkompetenz nach, die diese bereits aus ihrer schulischen Biografie mitbringen.

Den Abschluss bilden zwei Beiträge, die sich den systemischen Voraussetzungen für die Förderung von Sprachbewusstheit in mehrsprachigen Kontexten widmen.

Silvia Demmig konkretisiert die Lehrerprofessionalisierung und zeigt auf, dass eine curriculare Verankerung von auf Language Awareness bezogenen Inhalten in der universitären DaF-Lehrerbildung sinnvoll ist, um die Sprach-Lehrbewusstheit als notwendige Voraussetzung zur Vermittlung von Sprachbewusstheit zu entwickeln.

Ursula Behr stellt vor, wie die Thüringer Lehrpläne den Bereich „Sprache reflektieren“ und das sprachenübergreifende Lehren und Lernen systematisch in der Sekundarstufe anlegen, verankern und curricular bis zur Hochschulreife strukturieren. 

Zwei weitere Beiträge „außerhalb des Themenschwerpunkts“ haben auch Berührungspunkte mit dem Schwerpunkt des Themenheftes.

Katsiaryna EL-Bouz (geb. Kanaplianik) entwickelt für den DaF-Unterricht ein didaktisches Modell zur Vermittlung von Modalverben durch eine kognitiv-linguistische Herangehensweise, in der die Funktion und Wirkung der einzelnen Verben durch bewusstmachende Verfahren vermittelt werden. Sylwia Adamczak-Krysztofowicz, Angela Schmidt-Bernhardt, Antje Stork und Victoria Storozenko berichten aus einem interkulturellen Projektseminar mit dem Titel „Warschauer Aufstand – Spurensuche nach 70 Jahren“, wie Studierende mittels eines Lerntagebuches das Gelernte und Erfahrene reflektieren und damit interkulturelle Kompetenzen aufbauen und Sprachlernbewusstheit entwickeln.

Ein weiteres Themenfeld zu sprachlichen Fähigkeiten wird durch den Beitrag von Nicole Kaufmann eröffnet. Sie geht in ihrer differenzierten Analyse verschiedener Faktoren bei C-Test-Texten, die für den Online-Einstufungstest Deutsch als Fremdsprache (onDaF) verwendet werden, der Frage nach, ob sich Merkmale zur Vorhersage von Textschwierigkeit herausfiltern lassen.

Die Arbeitsgruppe um Jörg Roche im Projekt „Sprachstandsermittlung bei Kindern mit Migrationshintergrund“ stellt in ihrem Beitrag ein Konzept zur Erhebung des Sprachstandes mehrsprachiger Kinder im Vorschulalter vor, das sich dadurch auszeichnet, dass es sich an den tatsächlichen altersgemäßen kommunikationsbezogenen Sprachfähigkeiten monolingualer und bilingualer Kinder orientiert. Anhand eines Prototyps wird vorgestellt, wie mittels eines interaktiven Spiels auf einem Tablet die Kinder dazu animiert werden, räumliche und bewegungsbezogene Zustände der Akteure sprachlich zu begleiten und damit das spielerische Geschehen voranzubringen.

In dieser Ausgabe werden folgende Schriften rezensiert: Ballweg, Sandra (2015), Portfolioarbeit im Fremdsprachenunterricht. Eine empirische Studie zu Schreibportfolios im DaF-Unterricht. (v. J. Dinn); Hohm, Michael (2012), Sprachbewusstheit, Lesekompetenz und Textverstehen. Wie die Grammatik beim Lesen hilft (v. S. Hackl); Lindgren, Eva & Enever, Janet (Hrsg.) (2015), Språkdidaktik: Researching Language Teaching and Learning (v. V. Lohe). Ehlich, Konrad & Albert, Marina Foschi (Hrsg.) (2015), Deutsch als Fremdsprache als transkultureller Erfahrungsraum – Zur Konzeptentwicklung eines Faches (v. J. Hirschberg).

Ich bedanke mich bei allen AutorInnen für ihre Beiträge und für die überaus große Kooperationsbereitschaft. Diese habe ich ebenso im Herausgeberteam erfahren und auch diesem möchte ich herzlich danken. 

Monika Angela Budde, Themenheftherausgeberin

 

Dankeswort an Manfred Prokop: Der Lotse geht von Bord 

Manfred Prokop hat sich entschieden, seine Mitarbeit im  Herausgebergremium der ZiF aufzugeben - Zeit für uns, innezuhalten und ihm Danke zu sagen.

Manfred war 1994 der Initiator, eine, nein, die erste Online-Zeitschrift im Bereich DaF zu gründen. Als er Britta Hufeisen ansprach, damals ebenfalls noch an der University of Alberta in Edmonton tätig, war sie sofort begeistert, und beide machten sich mit Feuereifer daran, ein Konzept für die ZIF zu entwickeln. Es bestand Einigkeit, dass die ZIF unabhängig von Verlagen oder von Werbung sein und von Anfang an ein ordentliches und gerechtes Begutachtungsverfahren haben sollte. Manfred übernahm alles Technische und Elektronische, was mit der Publikation zu tun hatte, Britta die inhaltliche Seite. Beiden wurde erst im Laufe der Jahre so richtig klar, was das zeitlich und auch akademisch bedeutete. Die Begeisterung für das Vorhaben wurde auch durch zahlreiche Nachtschichten nicht getrübt, wenn es - wie oft - darum ging, einen Publikationstermin zu halten. Als die Arbeit tatsächlich drohte, den beiden über den Kopf zu wachsen, und das Angebot an interessanten, relevanten und gut geschriebenen eingereichten und eingeworbenen Beiträgen geringer wurde, kam die Entscheidung, statt drei nur noch zwei Ausgaben im Jahr herauszugeben und auch vermehrt Themenausgaben einzuladen, die die Beiträge besser bündeln und die Lektüre einer Ausgabe kohärenter machen. Das Prinzip bewährt sich nun seit vielen Jahren.

Im Laufe der Jahre vergrößerten wir das Team, Rezensionen sollten erscheinen, Neuigkeiten aufgelistet werden, NachwuchswissenschaftlerInnen eine Publikationsmöglichkeit erhalten. Einige der mit der Betreuung dieser Vorhaben verbundenen Posten wechselten im Laufe der Jahre, wir erweiterten das Herausgebergremium. Immer war uns - nicht nur aus biographischen Gründen - auch wichtig, die in Edmonton entstandene Deutschland/Österreich-Kanada-Verbindung zu pflegen: Auch Jörg war viele Jahre an der University of British Columbia in Vancouver in Kanada tätig. Nicole Marx, unsere Rezensionsherausgeberin, stammt aus dem hohen Norden Albertas und hat u.a. an der UofA studiert. Mit der "Canada-Connection" wollen wir aber über die biographischen Zufälligkeiten hinaus vor allem eine ganz besondere Art der kollegialen, ver- und anständigen professionellen und persönlichen Zusammenarbeit würdigen, die für uns alle eben mit dem Wirkungs- und Erinnerungsort Kanada ihren Ausgang genommen hat. Wer in den akademischen Systemen dieser Welt arbeitet, wird sicher die Besonderheit eines solchen Zusammentreffens ein- und wertschätzen können. Der Kristallisationspunkt für die ZIF, das muss hier festgehalten werden, war dabei Manfred Prokop, der sich in seiner gesamten beruflichen Karriere in Kanada eine herausragende Reputation als der kompetente, verständige, vermittelnde, stets konstruktive Doyen der kanadischen Germanistik erworben hat, eine Reputation, die auch von den Deutschlehrerverbänden, den kanadischen Kultusbehörden und den für DaF tätigen deutschsprachigen Institutionen geschätzt und anerkannt wurde und wird.

Bei solch einem kleinen Rückblick auf das Erreichte ist es sicher angebracht, darauf zu verweisen, wie weit Manfreds Weitblick gereicht hat: So ist die ZIF international nach wie vor die meist gelesene Fachzeitschrift im größeren Arbeitsbereich Deutsch als Fremd- und Zweitsprache. Es ist ihr zudem bisher als einziger gelungen, über einen längeren Zeitraum zu wachsen, während andere Versuche oft schnell scheiterten. Die in der ZiF erscheinenden Beiträge werden oft zitiert; eine Tendenz, die in den letzten Jahren noch deutlich zunimmt. Immer noch ist die ZIF eine Zeitschrift, die sich ohne Verlag und ohne Werbung behauptet, d.h. wirklich unabhängig ist und nach rein fachlichen Kriterien ihre Qualität definiert.

Das alles ging nur, weil Manfred sich die gesamte Zeit über verantwortlich um seine Bereiche gekümmert hat, die ZIF auf Indices platziert hat, weit über seine Emeritierung hinaus. Dass er nun von Bord geht, bedauern wir. Mit etlichen Jahren nach der Emeritierung hat man vermutlich dann auch mal eine Zeit ohne Terminverpflichtungen und andere dienstliche Lasten verdient.

Wir danken ihm an dieser Stelle vielmals für all die Arbeit, die Ideen, die Mahnungen, die Geduld und Nachsicht, die Hinweise und das Engagement, und wir wünschen ihm von Herzen für die kommenden Jahre im (Un?)Ruhestand alles Gute. Gleichzeitig freuen wir uns darauf, dass er der ZIF verbunden bleiben wird und wir den über so viele Jahre vertrauensvoll gewachsenen Kontakt zu ihm halten werden. Auf der Abo-Liste steht er nun da, wo er bei uns schon lange auf der Kollegialitätsskala steht: auf Platz Nummer 1.

Danke, Manfred, und mach's gut!

Britta Hufeisen und Jörg Roche

 

Die nächste Nummer der ZIF wird im April 2017 erscheinen ("Interkulturelle Literaturdidaktik"). Weiter geplant ist u.a. "Mehrsprachigkeit und Deutsch in Finnland" (Oktober 2017), "Raum und  Fremdsprachenunterricht" (Sondernummer 2017), "Sprachsensibler Unterricht" (April 2018).