Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht

Jahrgang 25: 2 (2020) – Schreiben in verschiedenen Sprachen


Vorwort

Liebe Leserinnen und Leser,

die Autor*innen dieses Themenheftes „Schreiben in verschiedenen Sprachen“ nähern sich auf verschiedenen Wegen den individuellen Herausforderungen und den Anforderungen, die sich durch die verschiedenen Facetten des Schreibens in der Lehre stellen. Den Auftakt bilden Beiträge, in denen kreative Zugänge zum Schreiben präsentiert werden. Die Praxisberichte verbindet die Motivation, Räume zu schaffen, in denen mit Sprache gespielt werden kann, in denen sich Studierende ausprobieren können. Diese Freiräume bieten die Chance, Sprachen und deren Aneignungsprozesse mit positiven Emotionen zu verbinden, was eine wesentliche Voraussetzung dafür ist, dass aus einer fremden Sprache eine Wohlfühlsprache werden kann. Es folgen Beiträge, in denen authentische Schreibprozesse aus verschiedenen Zusammenhängen vor dem jeweiligen theoretischen Hintergrund analysiert und diskutiert werden. Abgerundet wird das Themenheft durch zwei Studien, die sich dem Schreiben in verschiedenen Sprachen über quantitative Ansätze nähern.

Insgesamt betrachtet entsteht so ein Bild des Schreibens in verschiedenen Sprachen, dass meines Erachtens vielfältige Handlungsspielräume für die Lehre und die Forschung eröffnet.

Im Folgenden sollen die einzelnen Beiträge des vorliegenden Themenhefts kurz vorgestellt werden:

Nils Bernstein nutzt Poetry Slams. Seine These ist, dass Studierende, die gut und gerne kreative Texte schreiben, auch bessere Hausarbeiten schreiben, da beim kreativen Schreiben eine sehr intensive Auseinandersetzung mit Sprache erfolgt. Er analysiert mit seinen Studierenden Poetry Slams, lässt sie selbst welche schreiben und vortragen.

Maria Moss setzt Vignetten und Haikus im Sprachunterricht für Englisch auf B2/C1-Niveau ein. Sie stellt Praxisbeispiele vor, wie diese Textarten genutzt werden können, um Besonderheiten der englischen Sprache zu entdecken und mit diesen zu spielen. Die Rückmeldungen ihrer Studierenden zeigen, dass dieses Konzept aufgeht.

Tristian Lay verwendet in seinem Sprachunterricht des Deutschen auf B1 bis C1-Niveau Schreib- und Erzählimpulse, die mit der Lebenswelt der Studierenden eng verknüpft sind. Kennzeichnend für diese Schreibaufträge ist, dass sie mit Rechercheaufgaben verbunden sind. Auf diese Weise werden grundlegende wissenschaftliche Arbeitstechniken aktiviert: Die Akquise neuen Wissens auf der Basis von Vorwissen und deren Anwendung auf neue Situationen.

Ulrike Bohle und Ana Maria Iglesias zeigen anhand von internationalen Schreibpartnerschaften Potenziale des Schreibens in der Fremdsprache auf, in denen in einer wertschätzenden, konstruktiven Atmosphäre verschiedene Facetten des Schreibens eingeübt und reflektiert, sowie Gemeinsamkeiten und Unterschiede in kulturellen und individuellen Herangehensweisen erarbeitet werden können. 

Sonja Zimmermann untersucht das Schreiben von Zusammenfassungen in der Fremdsprache Deutsch. Zusammenfassungen erstellen zu können, ist eine zentrale Anforderung wissenschaftlichen Schreibens, weshalb das Zusammenfassen ein Aufgabentyp im TestDaF ist. In ihrer Studie verwendet sie ein Mixed-Methods-Design mit Eye-Tracking und stimulated recall-Techniken, um die Strategien von Lernenden beim Zusammenfassen zu analysieren. Ihre Ergebnisse zeigen, dass eine kritische Auseinandersetzung mit diesem Aufgabentyp sinnvoll wäre, um das Testinstrument weiterzuentwickeln.

Gisela Mayr lässt ihre Lernenden ihre gesamten vorhandenen sprachlichen Ressourcen nutzen. In einem Text dürfen und sollen verschiedene Sprachen eingesetzt werden. Sie analysiert einen viersprachigen Text einer Schülerin und zeichnet nach, wie die Wahl der Sprache eine argumentative Funktion übernimmt. Sie plädiert für eine Öffnung der Sprach- und Schreibdidaktik für mehrsprachiges Schreiben, da dies Schreibenden ermöglicht, verschiedene Aspekte ihrer Persönlichkeit einzubringen.

Yvonne Knospe und Anita Malmqvist untersuchen, wie Deutschlernende digitale Schreibhilfen wie Übersetzungstools einsetzen. Im Rahmen einer Interventionsstudie haben sie mit Schüler*innen den Gebrauch von Übersetzungstools reflektiert, Schreibstrategien für fremdsprachliches Schreiben besprochen und dann argumentative Texte schreiben lassen. Die Analyse zeigt u. a. die Schwierigkeiten auf, die bei der Nutzung digitaler Wörterbücher und Übersetzungshilfen auftreten. Deshalb plädieren die Autorinnen für eine kritische Auseinandersetzung der Lehrenden mit der Nutzung von digitalen Schreibhilfen im Unterricht.

Esther Odilia Breuer analysiert das Tippverhalten von Studierenden, also das motorische Erzeugen von Buchstaben. Ausgangspunkt für ihre Studie sind Erkenntnisse darüber, dass längere, flüssige Schreib- und Tippeinheiten sich auf die Qualität von Texten auswirken. Ihre These ist, dass Schreibende diese Flüssigkeit beim Tippen nur erreichen, wenn sie das für die jeweilige Sprache geltende orthografische System abrufen können. In einem Abschreibetest haben Studierende Wörter und Buchstabensequenzen auf Deutsch und Englisch getippt. Die Auswertungen belegen den Einfluss der (schrift-)sprachlichen Hintergründe auf das Tippverhalten. Breuer fordert daher eine erhöhte Aufmerksamkeit für die motorischen Ausführungsprozesse in der Schreibdidaktik, besonders für die Arbeit mit fremdsprachlichem Hintergrund.

Christian Krekeler untersucht in seiner korpuslinguistischen Studie, ob sich ein fachspezifischer Gebrauch von Phrasen finden lässt, die der alltäglichen Wissenschaftssprache zuzuordnen ist. Hierfür untersucht er ein Korpus aus deutschsprachigen Dissertationen der Fächer Maschinenbau und Betriebswirtschaft auf die Häufigkeit von verschiedenen Mehrworteinheiten. Hier kann der Nachweis disziplinärer Unterschiede im Sprachgebrauch erfolgen. Zudem setzt er seine Ergebnisse mit solchen für das Englische in Verbindung und weist Parallelen und Unterschiede nach. Der Beitrag schließt mit einer Diskussion über die Chancen und Grenzen korpuslinguistischer Erkenntnisse für die Schreibdidaktik.

 

Dagmar Knorr, Themenherausgeberin


Außerhalb des Themenschwerpunktes erscheinen in dieser Ausgabe der ZIF zehn Beiträge:

In ihrem Beitrag „Tandemlernen in Social-Virtual-Reality: Immersiv-spielebasierter DaF-Erwerb von mündlichen Sprachkompetenzen“ stellen Timo Ahlers, Milica Lazović, Kathrin Schweiger und Karsten Senkbeil die Ergebnisse ihrer funktional-pragmatischen Diskursanalyse von zehn multimodalen VR-Tandeminteraktionen aus einer Pilotstudie dar.

Chin-Hui Lin und Andreas Guder präsentieren in ihrem Beitrag „Flipped Classroom im universitären Chinesischunterricht der Mittelstufe – Versuche und Reflexionen zur Stärkung der Lernerautonomie“ drei Kurskonzepte für den Chinesischunterricht an Hochschulen in Deutschland inkl. praktischer Überlegungen zur Umsetzung von Flipped Classroom-Unterricht.

Rebecca Hüninghake, Johanna Höfener und Ute Ritterfeld befassen sich in ihrem Beitrag „Englischdidaktik in der Grundschule. Eine Lehrkräftebefragung zu Bedeutung und Umsetzung didaktischer Prinzipien“ mit einer Befragung von Englischlehrkräften an Grundschulen, die sich auf den Einsatz sowie die Relevanzzuschreibung verschiedener Unterrichtsmaterialien und Methoden im Sinne einer literaturbasierten Konkretisierung didaktischer Prinzipien für den Englischunterricht bezieht.

Benjamin Inal untersucht in seinem Beitrag „Lehrwerksbilder und Visual Literacy – die Funktionen von Bildern in fremdsprachlichen Lehrwerken auf dem Prüfstand“ mögliche Funktionen von Bildern in Fremdsprachenlehrwerken und geht der Frage nach, welche konkreten Aspekte von Visual Literacy über Lehrwerksbilder gefördert werden können.

Katharina Leonhardt präsentiert in ihrem Beitrag „Plus loin que le bout du nez / über den Tellerrand – Interkulturelles Lernen im Französischunterricht und darüber hinaus“ ausgerichtet an den drei Dimensionen der interkulturellen Kompetenz „Wissen, Einstellungen und Bewusstheit“, einzelne Unterrichtsmaterialien und entwickelt fortlaufend Umsetzungsvorschläge für einen Französischunterricht „qui voit plus loin que le bout du nez“.

Angela Lipsky bespricht in ihrem Beitrag „Die Artikelverwendung in mündlichen Produktionen japanischer Deutschlernerinnen – Gemeinsamkeiten und interindividuelle Variabilität in lernersprachlichen Entwicklungen während eines Auslandsaufenthaltes“ die Ergebnisse einer Studie zur Entwicklung der Artikelsetzung bei vier japanischen Deutschlernerinnen.

Ina-Maria Maahs und Marco Triulzi beschäftigen sich in ihrem Beitrag „Saber y ganar – ist das ein Quiz?‘ – Mehrsprachigkeitsdidaktische Elemente in zugelassenen Lehrwerken für Integrationskurse“ mit der Mehrsprachigkeitsorientierung als Unterrichtsprinzip und gehen den Fragen nach, inwiefern sich solche theoretischen Konzepte in den Formulierungen des aktuellen Rahmencurriculums für die Integrationskurse der Bundesrepublik Deutschland widerspiegeln und als didaktische Konzepte in den entsprechenden Lehrwerken umgesetzt werden.

In seinem Beitrag „Die Rolle von Paralleltexten für die Förderung des Leseverstehens im universitären DaF-Unterricht“ rückt Patrizio Malloggi Paralleltexte ins Licht, und zeigt, dass die Analyse des architektonischen Textaufbaus und der Schlüsselwörter in mehrsprachigen Paralleltexten das Leseverstehen fremdsprachlicher Texte (mit Fokus auf deutschsprachige Texte) bei italophonen DaF-Studierenden fördern kann.

Claus-Ulrich Viol untersucht in seiner Studie „Stereotype im Erasmus-Kontext – die (relative) Ordnung des Diskurses“, welche stereotypen Vorstellungen Studierende der Anglistik/Amerikanistik von Iren und Briten haben und wie sich diese Assoziationen durch einen Erasmus-Aufenthalt in Großbritannien oder Irland verändern. Anschließend wird die Frage erörtert, inwieweit die relativen Bezüge im Stereotypendiskurs der Erasmus-Studierenden als Zeichen für ein sich entwickelndes und verbesserndes interkulturelles Verstehen gelesen werden können. 

Basierend auf einem verbreiteten Validierungsmodell diskutieren Katrin Wisniewski, Robin Ide und Matthias Schwendemann in ihrem Artikel „Zum Einsatz des Deutschen Sprachdiploms der Kultusministerkonferenz (erste Stufe) an Schulen in Deutschland – ein Problemaufriss“ Potenziale und Herausforderungen des DSD-Einsatzes im Inland.

 

In der Rubrik Praxisbericht erscheinen in dieser Ausgabe der ZIF zwei Beiträge:

Nicole Bier und Alejandra Enciso legen in Ihrem Beitrag „Entwicklung eines lernerorientierten Blended-Kurses für Studierende an einer kolumbianischen Universität. Gründe, Planung und Gestaltung des Kurses“ das Vorgehen bei der Gestaltung eines Deutschkurses dar und stellen anschließend die Ergebnisse der Pilotierung einer neuen Lernplattform vor.

Tristan Lay und Kylie Giblett berichten in ihrem Beitrag „Zoom, Padlet, Screencast + Co. – Fremdsprachen lehren und lernen in Zeiten der Corona-Krise“ über neue Erfahrungen aus der universitären Unterrichtspraxis im Kontext Deutsch als Fremdsprache.

 

In der Rubrik Rezensionen werden vier Neuerscheinungen besprochen:

Sara Romano-Bottke rezensiert den Band von Monika Angela Budde & Franziska Prüsmann (Hrsg.) (2020): Vom Sprachkurs Deutsch als Zweitsprache zum Regelunterricht. Übergänge bewältigen, ermöglichen, gestalten. Münster u.a.: Waxmann [Reihe Deutsch als Zweitsprache – Positionen, Perspektiven, Potenziale Bd. 1].

Lars Schmelter bespricht das Handbuch Mehrsprachigkeits- und Mehrkulturalitätsdidaktik von Christiane Fäcke & Franz-Josef Meißner (Hrsg.) (2019). Tübingen: Narr Francke Attempto.

Marta Püllen widmet sich dem Sammelband von Britta Hufeisen, Dagmar Knorr, Peter Rosenberg, Christoph Schroeder, Aldona Sopata & Tomasz Wicherkiewicz (Hrsg.). Unter Mitarbeit von Barbara Stolarczyk (2018): Sprachbildung und Sprachkontakt im deutsch-polnischen Kontext. Forum. Angewandte Linguistik. F.A.L. Band 62. Berlin: Peter Lang Verlag.

Katharina Braunagel schließlich rezensiert: Daniel Reimann (2020): Methoden der Fremdsprachenforschung. (= 7 wichtige Punkte für einen erfolgreichen Start ins Thema). Tübingen: Narr Francke Attempto Verlag.

Den Abschluss bilden eine Übersicht über wichtige Neuerscheinungen im Fach, verbunden mit der Einladung zur Rezension in der ZIF, zudem ist der Überblick über kommende Tagungen aktualisiert.

Und ist Ihnen, lieber Leser, liebe Leserin, aufgefallen, dass wir das Aussehen unserer Fachzeitschrift verändert haben? Wir freuen uns über Ihre Kommentare, über Lob und Kritik. Schreiben Sie uns!

Die nächste Ausgabe der ZIF (2021-1) „KORPORA in DaF und DaZ: Theorie und Praxis“ (Gastherausgeberinnen: Carolina Flinz und Britta Hufeisen) wird im April 2021 erscheinen.

Weiter geplant sind u.a.:

  • ZIF 2021-2, Oktober 2021: Themenschwerpunkt „Mehrsprachigkeit – konkret. Mehrsprachigkeit und die konkrete Umsetzung in mehrsprachigen Regionen“ (Gastherausgeber: Michael Langner).
  • ZIF 2022-1, April 2022: Themenschwerpunkt „Nachbarsprachen und mehrsprachige Klassenzimmer“ (Gastherausgeberinnen: Sabine Jentges und Eva Knopp).