Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht

Jahrgang 26: 1 (2021) – KORPORA in DaF und DaZ: Theorie und Praxis


Vorwort

Liebe Leserinnen und Leser,
inzwischen besteht allgemeiner Konsens darüber, dass der Einsatz von Korpora ein großes pädagogisches Potenzial mit sich bringt: Große sprachliche Datenmengen können analysiert werden und bieten interessante und neue Zugänge für die Sprachenbeschreibung, für die Fremd- und Zweitspracherwerbsforschung, für die Entwicklung von Nachschlagewerken, Lehr- und Unterrichtsmaterialien sowie für die Unterrichtspraxis. Je nachdem, auf welche Weise Korpusdaten und -methoden im Sprachenunterricht verwendet werden, bietet ihr Einsatz eine Reihe von unterschiedlichen Vorteilen.

Systematische Sammlungen von authentischen Sprachdaten sowie der Gebrauch von bestimmten Verfahren für deren Analyse, wie z.B. die Auswertung der Kontexte und das Zählen der Häufigkeit, werden schon länger in der Sprachendidaktik verwendet (vgl. Lüdeling/Walter 2009). Jedoch erst mit dem Aufkommen von Korpora im Sinne von Sammlungen von digitalisierten schriftlichen oder gesprochenen Äußerungen in einer oder mehreren Sprachen (vgl. Lemnitzer/Zinsmeister 2015: 13) und mit der Anwendung von korpuslinguistischen Methoden haben sich neue Möglichkeiten für die Fremdsprachendidaktik ergeben, vorerst im Bereich von Englisch als Zweit- und Fremdsprache (vgl. u.a. Corino 2014; Mukherjee 2002) und anschließend unter anderem auch für das Deutsche (vgl. Fandrych/Tschirner 2007; Lüdeling/Walter 2009).
Trotz dieser eindeutigen wissenschaftlichen Erkenntnisse herrscht bei vielen Lehrenden jedoch in dieser Hinsicht teilweise noch Skepsis, so dass die Verwendung von Korpora noch keinen systematischen Eingang in den Unterricht gefunden hat und mit einer gewissen Zurückhaltung betrachtet wird (vgl. Wallner 2013; Flinz/Katelhön 2019; Flinz 2020).

An dieser Stelle setzt der geplante Schwerpunkt dieser ZIF-Ausgabe an. Es wurden Beiträge zusammentragen, die sich mit Korpora im DaF- und DaZ-Unterricht beschäftigen. Dabei waren folgende Aspekte relevant:

  1. Welche Korpustypen können in der schulischen und universitären Unterrichtspraxis (DaF, DaZ, Mehrsprachigkeitsdidaktik, Fachsprachenunterricht etc.) verwendet werden? Mit welchen Korpusrecherchetools können sie recherchiert werden?
  2. Welche Lehr- und Lernziele können mit Hilfe von Korpora erreicht werden? Wozu können Lehrende Korpora nutzen? Welche Aufgaben und Übungen können mit Korpora vorbereitet und durchgeführt werden? Welche Vorteile oder Nachteile sind empirisch festzustellen? Welche Lösungen können vorgeschlagen werden? Wie können Korpora für die Erstellung von Lehrbüchern und didaktischem Material genutzt werden? Wie können Korpora für die Erstellung von lexikographischen Ressourcen für Lernende verwendet werden?
  3. Welche Art von Einsatz (corpusbased, corpusdriven, quantitativ, qualitativ, quantitativ-qualitativ) soll präferiert werden?
  4. Welche linguistischen Untersuchungen zur Beschreibung der linguistischen Sprachebenen, wie u.a. Phonetik, Phonologie, Morphologie und Wortbildung, Syntax, Semantik, Pragmatik etc., können intra- oder interlingual auf Korpora basieren? Welche Konsequenzen können gezogen werden?
  5. Wie können Korpora (Lernerkorpora) das Sprachenlernen dokumentieren?

Ziel des vorliegenden Schwerpunktes war, Beiträge zu versammeln, die ein aktuelles Bild zur Verwendung von Korpora in Forschung und Lehre von DaF und DaZ zeichnen. Zu vielen der obigen Fragen geben die hier eingeworbenen Beiträge Antwort. Sehr viel ausführlicher können sie in einer neuen elektronischen Zeitschrift bearbeitet werden, die wir an dieser Stelle vorstellen möchten: Korpora DaF (= KorDaF), deren Stapellauf für Juli 2021 vorgesehen ist. Die neue Zeitschrift wird ebenfalls von der Universitäts- und Landesbibliothek der Technischen Universität Darmstadt gehostet, mit einem Redaktionssystem versehen sein und von den beiden Herausgeberinnen dieser Themenausgabe verantwortet, zusammen mit Ruth M. Mell als Schriftleiterin. Die ersten vier Ausgaben, von denen pro Jahr zwei Ausgaben erscheinen werden (jeweils Juli und Dezember), liegen vor bzw. sind konzeptionell geplant, und wir laden an dieser Stelle schon jetzt dazu ein, uns Vorschläge für weitere Themenausgaben zuzusenden. (Literaturangaben siehe Einleitung)

Carolina Flinz und Britta Hufeisen, Themenherausgeberinnen

Im Folgenden sollen die einzelnen Beiträge des vorliegenden Themenhefts kurz vorgestellt werden:
Carolina Flinz liefert in ihrem einleitenden Artikel einen Überblick über unterschiedliche Typen von Korpora der deutschen Sprache und deren möglichen Einsatz im DaF-Unterricht.
Julia Kaiser und Evi Schedl präsentieren in ihrem Beitrag das Forschungs- und Lehrkorpus Gesprochenes Deutsch (FOLK) und zeigen auf, wie dieses für den DaF-Unterricht und speziell für den Aspekt des authentischen, kompetenten sprachlichen Handelns in Interaktion sinnvoll aufbereitet werden kann.
Miriam Ravetto und Marina Castagneto beschreiben das Korpus Co.Cor (Compliment Corpus), in dem der Sprechakt des Kompliments in authentischen und (semi-)spontanen Gesprächen realisiert wird.
Eva Gredel beschäftigt sich mit der Frage, wie digitale Forschungsinfrastrukturen mit verfügbaren CMC-Korpora (Computer Mediated Communication) die Entwicklung von Digital Literacy in der Fremdsprachendidaktik befördern können.
Dagmar Knorr stellt in ihrem Beitrag eine korpuslinguistische Studie zur Konstruktion von Selbstreferenz und zu ihrer Einsatzmöglichkeit in der Schreibberatungsausbildung vor.
Christian Krekeler erläutert anhand einer Unterrichtseinheit den Einsatz von data-driven learning (DDL) durch Lehrende und stellt dessen Auswirkungen auf die Unterrichtsplanung vor.

Außerhalb des Themenschwerpunktes erscheinen in dieser Ausgabe der ZIF zehn Beiträge:

Abdalsalam Al-Khaiwani schildert in seinem Beitrag die Problematik des Fachsprachenunterrichts Deutsch an einer deutschen Hochschule im Ausland, an der German Jordanian University (GJU).
Juan Cao diskutiert am Beispiel eines Videos zu einem deutsch-chinesischen Critical Incident, wie die Storyline-Methode die interkulturelle kommunikative Kompetenz fördert und wie das Modell des Intercultural Speakers im Chinesischunterricht angestrebt werden kann.
Andreas Hettiger liefert in seinem Beitrag anhand exemplarischer Länderstudien erste Ansatzpunkte für eine systematische Erfassung globaler hochschulischer Sprachenpolitik.
Augustin Joël Noumo und Albert Gouaffo befassen sich in ihrem Beitrag mit der Frage nach der Auswahl literarischer Texte für den DaF-Unterricht an kamerunischen Schulen.
Matthias Prikoszovits fokussiert den Aufbau einer Curriculumkompetenz bei Fremdsprachenlehrkräften unter Einsatz des Reverse Design-Verfahrens, das am Sprachenzentrum der University of Chicago entwickelt wurde.
Julia Renner präsentiert eine konversationsanalytische Untersuchung von Interaktionen in einem deutsch-chinesischen E-Tandemprojekt in der Anfängerstufe und diskutiert, wie ein Tandemprojekt mit AnfängerInnen erfolgreich gestaltet werden kann.
Das Sprachenpaar Deutsch-Chinesisch ist auch das Thema des Beitrages von Enuo Wang und Hede Helfrich. Die Autorinnen stellen mit Hilfe eines qualitativen Forschungsansatzes die interkulturellen Anpassungsstrategien in chinesisch-deutschen Joint Ventures dar.

In der Rubrik Praxisbericht erscheinen in dieser Ausgabe der ZIF drei Beiträge:

Gabriela Gorąca-Sawczyk und Natalja Jourdy stellen in ihrem Praxisbeitrag einige Überlegungen zur Planung, Durchführung und Evaluation eines deutsch-französischen Schüleraustausches an.
Empfehlungen der Kultusministerkonferenz für einen sprachsensiblen Unterricht an beruflichen Schulen stehen im Fokus des Beitrages von Jörg Roche und Alexander Finkbohner, die für ein zielführendes und nachhaltiges bildungspolitisches Handeln von DaF/DaZ-Akteuren plädieren.
Jianpei Yang beleuchtet kritisch den studienvorbereitenden Deutschunterricht im Rahmen chinesisch-deutscher Hochschulkooperation und analysiert Lernschwierigkeiten von Deutschlernenden exemplarisch an zwei chinesischen Hochschulen.

In der Rubrik Rezensionen werden drei Neuerscheinungen besprochen:

Stefanie Bredthauer rezensiert die Monographie von Sarah Dietrich-Grappin (2020): Mehrsprachigkeitskompetenz als Bildungsziel im schulischen Tertiärsprachenunterricht – Transferbasierte Kommunikationsstrategien im Kontext von spontaner Mündlichkeit und Zwei-Sprachen-Aufgaben. Trier: WVT.
Nora von Dewitz widmet sich dem Band von Johanna Jördening (2020): Language Awareness bei mehrsprachigen Kindern. Trier: WVT.
Schließlich bespricht Ruth M. Mell die Dissertation von Tassja Weber (2020): Präpositionen und Deutsch als Fremdsprache: Quantitative Fallstudien im Lernerkorpus MERLIN. Open Access, Onlinepublikation Universität Mannheim.

Den Abschluss bilden eine Übersicht über wichtige Neuerscheinungen im Fach, verbunden mit der Einladung zur Rezension in der ZIF, zudem ist der Überblick über kommende Tagungen aktualisiert.

Die nächste Ausgabe der ZIF (2021: 2) „Mehrsprachigkeit – konkret. Mehrsprachigkeit und die konkrete Umsetzung in mehrsprachigen Regionen“ (Gastherausgeber: Michael Langner) wird im Oktober 2021 erscheinen.

Weiter geplant sind u.a.:

  • ZIF 2022: 1, April 2022: Themenschwerpunkt „Nachbarsprachen und mehrsprachige Klassenzimmer“ (Gastherausgeberinnen: Sabine Jentges und Eva Knopp).
  • ZIF 2022: 2, Oktober 2022: Themenschwerpunkt „Unterricht in der Herkunftssprache“ (Gastherausgeberin: Grit Mehlhorn). Wir weisen auf den Call hin.